„Die Deutschen mögen irgendwie keine Folklore“

Was passiert wenn türkische Folklore auf deutsche Kultur trifft?
Nazmi (16) aus Hamburg hat es uns erzählt. Seit einem Jahr tanzt er bei der türkischen Folkloregruppe Halkoyunekide aus Hamburg mit und spielt auch türkische Gitarre auf der Bühne. Das Ganze gibt es zu bewundern auf dem 7. Festival der Kulturen in Hamburg.

Wir waren neugierig und wollten mal wissen, was es mit Nazmis Leidenschaft für die türkische Folklore eigentlich auf sich hat…..

JUKRAUT: Was ist dein Anliegen wenn du türkische Tänze auf einem deutschen Festival aufführst?

Wir wollen vor allem unsere Kultur zeigen. Das machen wir mit historischen Tänzen aus der Türkei. Unser Anliegen ist es, den Zuschauern türkische Folklore als schöne Folklore zu vermitteln.

JUKRAUT: Welche Bedeutung hat der traditionelle Tanz in deiner Familie? Woher kommt das Interesse am Tanz?

Ja, es gibt eine Bedeutung  für den türkischen Tanz in meiner Familie.  Ich komme aus Anatolien und hatte selbst Interesse daran, die türkische Folklore tanzen zu lernen. Ich glaube, das hätte ich auch gewollt wenn ich nicht in Deutschland aufgewachsen wäre, sondern in der Türkei. Tanz und Musik interessieren mich auch generell.

JUKRAUT: Was unterscheidet die türkische von der deutschen Art zu tanzen? 

In der Türkei hört man nicht so viele Schlager wie in Deutschland, sondern eher Pop und RnB. Außerdem gibt es ein großes Interesse an Musik mit Folklorewurzeln. Alle meine deutschen Freunde haben eigentlich gar kein Interesse an Folklore und tanzen sie auch nicht. Warum das so ist kann ich auch nicht so genau beantworten.

JUKRAUT: Beim Tango wollen sich Mann und Frau annähern, der Flamenco will eine Geschichte erzählen. Wie ist deiner Meinung nach der türkische Tanz motiviert? Worum geht es im türkischen Tanz?  

Beim türkischen Folkloretanz tanzen auch Männer mit Männern, zum Besipiel ein Mann mit seinem Cousin oder Onkel. Das stärkt die Familienbande und ist eine wichtige Art, Kontakt mit Anderen zu knüpfen. Natürlich wird dabei auch aus reiner Freundschaft zusammen getanzt. Manchmal wird beim Tanz auch eine Geschichte erzählt. Und Mann und Frau tanzen natürlich auch zusammen- nur auf eine andere Art als zum Beispiel beim Tango.

JUKRAUT: Wie lässt sich Tanz mit muslimischer Religion vereinbaren? Gibt es Regeln, wann was getanzt werden darf? Wie viel Haut darf gezeigt werden und wie stehen Mann und Frau beim Tanz zueinander? 

Tanzen geht bei uns immer! Da gibt es keine bestimmten Regeln, die sich mit der Religion überschneiden. Wer beim Ramadan noch Energien zum Tanzen hat, nachdem er den ganzen Tag nichts gegessen und getrunken hat, darf ruhig loslegen. Frauen sollten nicht zu viel Haut zeigen und nicht allzu offene Kleidung tragen.

JUKRAUT: Welcher Körperteil ist beim türkischen Tanz am wichtigsten und warum?

Die Füße und die Schritte sind bei der türkischen Folklore ganz besonders wichtig. Danach kommen Schulter und Hände. Allgemein ist Körperbeherrschung ein großer Teil des Ganzen.

JUKRAUT: Welche Reaktionen ruft ihr bei Auftritten vor Publikum hervor, für das türkischer Tanz neu ist?  

Ich habe immer nur erlebt, dass wir Glücksgefühle ausgelöst haben (lacht). Die meisten freuen sich, die türkische Folklore kennenzulernen. Wir haben auf jeden Fall immer nur positive Reaktionen erlebt.

JUKRAUT: Manchmal werden junge Leute, die Traditionen weiterführen wollen von anderen als „stehen geblieben“ oder „langweilig“ belächelt. Bist du diesem Vorurteil schonmal begegnet? Wie gehst du damit um?

Das ist mir noch nie passiert. Aber wenn mich mal jemand darauf ansprechen würde, würde ich sagen, dass ich einfach meiner Kultur folge, dass ich Traditionen weiterführen will und dass mir das nunmal wichtig ist.

JUKRAUT: Bewertest du Traditionen als etwas Unabänderliches? Oder ist es auch ok, sie zu modifizieren?

Klar könnte man was ändern. Ich glaube aber, dass der Kern gleich bleiben sollte und dass es am Wichtigsten ist, die Traditionen beizubehalten.

JUKRAUT: Danke für das gute Gespräch, Nazmi!

 

 

 

 

 

 

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